Training für Frauen Teil & Mythos 1

Die Serie „Training für Frauen“ richtet sich an Frauen, die Sport im Studio betreiben, dort Kurse besuchen und trotz Disziplin und Durchhaltevermögen nicht die Erfolge haben, die sich sich gewünscht hätten.

Sport hat viele Aspekte, gesundheitliche und soziale. Viele Frauen betreiben Sport, um „etwas für sich zu tun“, fitter zu werden und um besser auszusehen. Die Fitnessindustrie bedient genau diese Wünsche und verspricht ihren Kunden eine Menge. Aber kann sie es auch halten? Was denken wir über Training und ist unsere Meinung eigentlich wirklich objektiv und fundiert?

Die Autorin dieses Artilkels ist Esther- Marie Dorendorf-Kappel. Ihre Geschichte und Ihre sportliche Entwicklung ist sehr interessant. Noch vor mehr als 3 Jahren besuchte sie bis zu 3 Stunden täglich  verschiedene Kurse (Aerobic, Pilates, Yoga) mit relativ schwachen Ergebnis. Ende 2010 kam die Wende. Marie besuchte ein Kettlebell Club Seminar und fing mit dem Kettlebell Trainig an um sich auf Ihre Hochzeit fit zu machen. In weiteren Personal Trainingsstunden erfuhr Sie die ,,Geheimnisse” der richtigen Trainigssteuerung für einen ,,knackigen” Body. Ihre Körperzusammensetzung veränderte sich drastisch. Marie verstand jetzt worum es geht. Sie fing an weiter nachzuforschen und sich weiter zu bilden. Sie machte die Ausbildungen zum Hot Iron Instructor und zum Kettlebell Trainer (HKC – Hardstyle Kettlebell).

Teil und Mythos 1:
von den langen schlanken Muskeln – wer verkauft und an wen?

Esther-Marie Dorendorf-Kappel  
Kettlebell Club Trainer nach HKC (Hardstyle Kettlebell)

Wie oft haben wir das schon gehört und gelesen? Lange, schlanke Muskeln, das ist das was Frauen ausmacht. Einen Körper wie eine Tänzerin beim Ballett oder ein rehbeiniges Model, grazil, schlank und weiblich zugleich, vielleicht ein paar Muskeln hier und da. So wollen wir aussehen. So sollen wir aussehen. So sehen wir es auf Werbeplakaten, in Modestrecken, Zeitschriften, im Fernsehen, ja, auch auf Coverbildern von Fitnessmagazinen, die uns genau das versprechen: tue X, kaufe Y und das Ergebnis wird sein: lange, schlanke Muskeln. Yoga, Pilates, extensives Ausdauertraining, gerne mit kleinen Gewichten, das, so wird uns Frauen suggeriert, bringt uns zum Ziel, macht uns schlank und attraktiv. Wer mehr als 1,5 kg Gewicht in der Hand hält, ist selbst schuld, wenn er dicke Arme hat. Oder? Aber wie sehr sind wir eigentlich beeinflusst von Marketingversprechen und wie gut decken diese sich mit den harten Fakten?

Muskeln sind die „Bewegungsmotoren“ in unserem Körper. Wir brauchen sie, damit wir uns überhaupt bewegen können. Sie halten uns aufrecht beim Stehen, lassen uns gehen, laufen und alle Dinge des Alltags tun. Muskeln haben Punkt am Skelett, wo sie befestigt sind (grob vereinfacht gesagt) und durch diese Befestigungspunkte ist die maximale Länge vorgegeben. Länger könnte man einen Muskel natürlich theoretisch machen, wenn man ihn von seinem Befestigungspunkt löst und daran zieht, denn Muskeln sind sehr dehnbar, viel dehnbarer übrigens als unsere Sehnen und Bänder. Da wir nun aber durch die äußeren Gegebenheiten eine feste vorgegebene Länge haben, ist es logischerweise schwierig, einen Muskel irgendwie „lang“ zu „machen“.

Muskeln können aktiv nur eines: sich zusammenziehen. Dabei wird ein Muskel kürzer und nicht länger. Beugen wir unseren Arm, so zieht sich der Biceps (Armbeuger) zusammen und wir sehen an unserem Oberarm eine Beule. Diese Beule ist der zusammengezogene Muskel, der nun an seinen Befestigungspunkten am Knochen „zieht“ und dadurch den Arm beugt. Der Muskel wird also kürzer. Wenn der Arm wieder gestreckt werden soll, geschieht dies nicht, weil wir den Muskel wieder „lang machen“, sondern weil ein anderer Muskel, nämlich sein Gegenspieler (=Antagonist, hier Triceps) kontrahiert (sich zusammenzieht) und damit die Beugung im Arm rückgängig macht und den Arm und damit auch den Biceps wieder streckt.

Ganz sachlich betrachtet können Muskeln also eigentlich nicht länger werden durch Training.

Und was ist mit Stretching? Ja, Dehnen kann die Toleranz für Dehnungsreize erhöhen, im Klartext heißt das: wenn wir regelmäßig dehnen, lässt sich mit der Zeit alles besser dehnen, es ziept nicht mehr so und wir können unsere Grenzen stückchenweise erweitern, bis unser naturgegebenes Limit erreicht ist.  Dehnen kann Strukturen (Sehnen, Bänder, Bindegewebsstrukturen, auch Muskeln) darauf vorbereiten, größere Bewegungsumfänge zu erlauben. Aber das Dehnen alleine macht nicht die Muskeln lang.

„Ok, wenn wir nun also keine langen Muskeln haben können, dann wollen wir schlanke Muskeln!“ – ist es nicht so? Wir denken noch an die Tänzerin oder das Model in Pilates-Posen oder das gelenkige Yoga-Model, das sich lächelnd verbiegt.

Kommen wir also zum nächsten Punkt, der die Fakten beleuchtet und der hat mit Genetik zu tun.

Grob gesagt unterscheiden wir drei Körpertypen, ektomorph, mesomorph und endomorph. Ein Ektomorpher ist sehr schlank und häufig hochgewachsen, kann eigentlich essen, was er will, bleibt trotzdem schlank, auch wenn er sich so gut wie nie bewegt und täglich eine Tafel Schokolade isst. Dafür hat er Schwierigkeiten selbst bei hartem Training Muskulatur aufzubauen. Ein Endomorpher ist sozusagen das Gegenteil: meistens untersetzt, er braucht die Schokolade nur anzusehen und hat sie schon auf den Hüften, kann sich extrem abmühen und wird immer irgendwie stämmig aussehen, womit die Karriere als Balletttänzerin schonmal gelaufen ist. Mesomorphe liegen genau dazwischen. Sie bauen gut Muskeln auf, haben aber auch eine Neigung zum schnellen Fettansatz, wenn sie nicht aufpassen. Das Tanzen im Kinderbalett hat noch Spaß gemacht, spätestens in der Pubertät hat man uns aber gesagt, dass es nun nicht mehr so richtig passt und jemand anderes in der ersten Reihe tanzen darf. Soweit also die grobe Unterteilung (es gibt natürlich alle möglichen Mischtypen, aber das ist nicht das Thema).

Habt Ihr was gemerkt? Genau! Die Gene (oder unsere Vorfahren, insbesondere unsere Eltern) legen fest, was wir sind und wie wir aussehen. Sie bestimmen, wie gut wir Nahrung verwerten, wie schnell wir Speck ansetzen, wie unser Körper im Ganzen Gestalt annimmt. Und jetzt führen wir uns nochmal all die Bilder von Pilates-Models, Zeitschriften- und Modeschönheiten vor Augen: Wir sind größtenteils endo- bis mesomorphe Damen und jemand verspricht uns, wir könnten einfach so mal ektomorph werden? Wenn das tatsächlich funktionieren würde, jemand den Weg gefunden hätte, unsere Gene zu verändern, wir wären alle rank und schlank (weil wir es ja sein sollen, wie uns tagtäglich wie ein Mantra vorgebetet wird).

Wie sieht es mit mir aus? Ich habe das selbst alles einmal geglaubt. Ich habe alles probiert: low fat, wenig essen, noch weniger essen, nichts essen, Joggen, Laufen, Aerobic bis zu 3 Stunden täglich, Pilates, Yoga, Sport, Sport und noch mehr Sport, dazu später noch HIIT, faul war ich nicht. Aber ich wurde einfach nicht zur grazilen Pilatesvorzeigefrau, egal, was ich versucht habe. Und ein Satz fasste den ganzen Frust dann noch auf einer anderen Ebene zusammen: „Ich mache so viel Sport, aber man sieht es mir einfach nicht an!“ Irgendwas lief falsch, aber ich wusste nicht was und ich wusste auch nicht, wo ich hätte nachlesen können, ich trug die Scheuklappen der Fatburner-Lange-Schlanke-Muskeln-Marketinglügen und fand keinen Ausweg. Schließlich dachte ich, es sei einfach ausweglos, und noch schlimmer: wenn ich aufhören würde, dann würde ich fett und unansehnlich werden, denn wenn ich es mit so viel Sport nicht schaffte, auszusehen wie eine Primaballerina, was würde geschehen, wenn ich mit meiner Disziplin auch nur ein klein wenig nachgäbe?

Heute bin ich schlauer. Und ich denke anders über Sport.

Lange schlanke Muskeln? Ja, beneidenswert. Habe ich nicht. Ich bin mesomorph. Wenn ich lange schlanke Muskeln haben will, brauche ich andere Eltern und andere Gene. Anders wird nichts mehr daraus.

Aber wenn das alles doch eine Lüge ist, warum glauben dann noch so viele daran?

Weil wir es glauben wollen! Weil unsere Wünsche nach Schönheit und Bewunderung so stark sind, dass wir bereit sind, eine Menge zu tun, um unseren Idealen zu entsprechen. Wir kaufen Markenklamotten, weil ein Promi sie auch trägt, den wir bewundern. Und wir enden als Wurst in einer zu engen Pelle. Wir kaufen Cremes, die uns makellose Haut versprechen und jugendliche Ausstrahlung, aber wir werden trotzdem älter und kaufen eine teurere Creme. Nie kämen wir auf die Idee zu denken, dass die Creme vielleicht nichts taugt. Genau wie uns Pilates eben keine schlanken Muskeln beschert und plötzlich daran zweifeln läßt, ob dies die richtige Trainingsmethode für uns ist.

Fitness ist ein großer Markt, hier werden Millionen und Milliarden umgesetzt. Jedes Jahr gibt es neue Trends, Maschinen oder Programme, die uns Versprechungen machen, die immer wieder die gleichen Stereotypen bedienen: Damen für lange schlanke Muskeln bitte so, Herren für den Waschbrettbauch bitte so. Wer besten mit allen Wunsch-Trigger-Begriffen jonglieren kann und Fun, Fatburner, High-Tech, Pseudowissenschaft und blitzendes Chrom in sein Produkt integriert, der ist ganz weit vorne. Und wer weit vorne ist, der verdient mit seiner Methode Geld, egal ob sie funktioniert oder nicht, das wichtigste ist, dass Menschen daran glauben. Fitness ist also eine Art Religion mit vielen kleinen Splittergruppen, von denen jede behauptet, sie hüte den heiligen Gral der Fettverbrennung und langen schlanken Muskeln.

Nur Fakt ist: es gibt Dinge, die funktionieren. Und es gibt Dinge, die funktionieren nicht. Und es gibt Dinge, die funktionieren, aber anders als wir denken. Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr an der Nase herumführen lassen und unser Geld für nutzlose Methoden ausgeben.

Ich sage nicht, Du sollst kein Zumba machen. Wenn Du Spaß hast an Zumba, mach es! Ich sage nicht: Pilates ist schlecht. Jede Methode hat ihre guten Seiten.
Ich möchte Dich nur dafür sensibilisieren, dass Du nicht alles glaubst, was man Dir verspricht.

Bis zum nächsten Mal :)

Teil und Mythos 2: Wer abnehmen will, braucht Cardio, Cardio und noch mehr Cardio (aka Ausdauertraining)

 

Krafttraining für einen knackigen Po….
FB5

Kettlebell Club Training für Frauen

Comments

  1. Hallo Marie,

    sehr schöner Artikel. Klartext und ehrlich.
    Gibt es leider viel zu selten.
    Ich glaube hier sprichst Du vielen Frauen aus der Seele und ich hoffe,
    dass alle die den Artikel lesen endlich aufwachen und sich nicht mehr
    veralbern lassen.

    Beste Grüße,
    Sebastian

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